Die Work-Life-Balance ist gescheitert!
- Joachim Schnabel
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Immer weniger Vollzeiterwerbstätige finanzieren immer mehr Sozialleistungen in unserem Land. Nicht nur der immer stärker spürbare demografische Wandel verschärfen das Problem, sondern auch die verringerte durchschnittliche Arbeitszeit pro Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer. Ein Phänomen, welches in Österreich besonders stark ausgeprägt ist. Wenn wir nicht jetzt entgegensteuern, gerät unser Wohlstandsmodell zusehends unter Druck.
Der demografische Wandel macht sich bemerkbar
Abermals ist in Österreich die Geburtenrate gesunken: Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau lag im Jahr 2025 nur noch bei 1,29. Dieser Negativrekord spiegelt eine Entwicklung wider, die bereits seit den 1970er-Jahren anhält. Gleichzeitig gehen jetzt die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre nun in Pension. Da deutlich weniger junge Menschen nachkommen, schrumpft die Basis der Beitragszahler für Pensions- und Sozialsysteme erheblich. Zugleich steigen aufgrund der höheren Lebenserwartung und der demografischen Struktur die Ausgaben für Pensionen, Gesundheit und Pflege stark an. Bereits mehr als 1,8 Millionen Menschen befinden sich im Pensionsalter – das entspricht rund 20 % der Bevölkerung.
Die durchschnittliche Arbeitszeit sinkt
Nicht nur die demografische Entwicklung verschärft die Lage – auch die durchschnittliche Arbeitszeit pro Beschäftigtem geht seit Jahren zurück. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist die jährliche Arbeitszeit in ganz Europa deutlich gesunken. Zwar ist die Zahl der Erwerbstätigen stark gestiegen, das gesamte Arbeitsvolumen jedoch deutlich schwächer. Im Euroraum arbeiten Menschen heute im Schnitt rund sechs Prozent weniger Stunden pro Jahr als noch 1995. Die Pandemie hat diesen Trend zusätzlich verstärkt.

In Österreich fällt diese Entwicklung besonders stark aus: Hier beträgt der Rückgang mehr als elf Prozent beziehungsweise rund 180 Stunden pro Jahr – deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Auch Deutschland und Italien verzeichnen spürbare Reduktionen, doch Österreich zählt zu jenen Ländern mit einem überdurchschnittlich starken Minus.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Debatte über Arbeitszeit, Vollzeitquote, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit gerade in Österreich sachlich und ernsthaft geführt werden muss.
Teilzeit verschärft dieses Phänomen
Die sinkende individuelle Arbeitszeit in Europa geht Hand in Hand mit einem starken Anstieg der Teilzeitbeschäftigung. Während sich die Zahl der Teilzeitkräfte im Euroraum seit 1995 beinahe verdoppelt hat, ist die Entwicklung in Österreich besonders dynamisch: Von rund 500.000 Teilzeitbeschäftigten im Jahr 1995 stieg die Zahl auf über 1,4 Millionen im Jahr 2024 – ein Plus von fast 170 Prozent.

Mit einer Teilzeitquote von knapp 30 Prozent liegt Österreich heute im Euroraum an der Spitze – nur die Niederlande weisen eine noch höhere Quote auf. Anders als im restlichen Euroraum ist die Teilzeitquote hierzulande selbst nach 2015 weiter gestiegen. Bemerkenswert ist zudem, dass mehr als die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten keine Betreuungspflichten oder gesundheitlichen Gründe angibt – viele entscheiden sich also freiwillig gegen Vollzeit.
Unser Wohlstandsmodell lässt sich mit falschen Anreizen nicht aufrechterhalten
Klar ist: Wer pflegt oder betreut, ist von dieser Diskussion nicht gemeint. Aber dort, wo Vollzeit möglich und zumutbar ist, darf sie nicht benachteiligt werden.
Unser Steuer- und Sozialsystem setzt derzeit starke Anreize in Richtung Teilzeit: geringe oder keine Lohnsteuer, reduzierte Sozialbeiträge, ein 25-Prozent-Zuschlag für Mehrarbeit sowie mehrere geförderte Teilzeitmodelle. Gleichzeitig gehen bei einem Wechsel in Vollzeit oft Sozialleistungen verloren, während Abgaben steigen. Das Ergebnis: Mehr Arbeit zahlt sich unter dem Strich häufig kaum aus – ein falsches Signal für Leistung, Arbeitsmarkt und Sozialstaat. Denn Laut Berechnungen der Agenda Austria entgingen dem Staat jährlich rund 4,9 Milliarden Euro an Einnahmen, weil etwa 320.000 Teilzeitbeschäftigte keine Vollzeitstelle anstreben – obwohl sie dazu in der Lage wären.
Vollzeit muss belohnt werden
Die strukturelle Benachteiligung von Vollzeitarbeit ist kein Naturgesetz – sie lässt sich politisch lösen. Wenn wir Leistung wieder stärken und Vollzeitarbeit attraktiver machen wollen, braucht es klare Reformschritte.

Ich schlage daher vor, den durchschnittlichen Steuersatz künftig am fiktiven Einkommen einer 40-Stunden-Vollzeitbeschäftigung auszurichten – und nicht am tatsächlichen Teilzeitgehalt. Wer mehr arbeitet, darf steuerlich nicht schlechter gestellt sein. Damit setzen wir einen klaren Leistungsanreiz und stärken jene, die Verantwortung übernehmen und unseren Wohlstand sichern. Ausgenommen bleiben selbstverständlich Menschen, die aufgrund von Pflege- oder Betreuungspflichten ihre Arbeitszeit reduzieren müssen.
Es braucht ein gesellschaftliches Umdenken!
Die Work-Life-Balance ist gescheitert. Es braucht ein gesellschaftliches Umdenken hin zu mehr Leistungsbereitschaft und eine neue Anerkennung von Vollzeitarbeit in unserer Gesellschaft. Denn für den Sozialstaat bedeutet die aktuelle Entwicklung eine strukturelle Belastung: Immer weniger Vollzeitbeschäftigte finanzieren immer mehr Leistungen. Setzt sich dieser Trend fort, geraten Finanzierung, Wettbewerbsfähigkeit und langfristige Stabilität unseres Systems unter Druck.



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